Eröffnung: Samstag, 24. September 14 Uhr

Weitere Öffnungszeiten: 1.+2.+3.+8.+9. Oktober 14-18 Uhr

3. Oktober: Musikveranstaltung mit DJ Selina

9. Oktober: Finissage mit Artist Talk

badengehen

Auch 2022 lädt die regionale Künstlergruppe dimension14 zu ihrem temporären Kunstereignis südlich von Berlin ein, das alljährlich einen Ausnahme-Ort im Postleitzahlenbereich 14 ins Zentrum künstlerischer Auseinandersetzung rückt.

Die inzwischen 22. Ausstellung präsentiert sich unter dem Motto badengehen im Freibad Kiebitzberge in Kleinmachnow, einer Freizeitstätte mit fabelhafter Geschichte:

Im Mai 1976 eröffnet – entstand das Freibad im Zuge eines Mitmach-Wettbewerbs in der damaligen DDR außerhalb staatlich verordneter Planwirtschaft. Wenige Freiwillige und ein Architekt stemmten das Projekt, angeschoben von Arbeiterinnen des Carl-von-Ossietzky-Werks, die nachmittags eine Unterbringung für ihre Kinder benötigten. Nur so konnten sie im Schichtsystem arbeiten. Nach der Wende sollten das Freibad und sein 4.000 qm großes Areal dicht machen, ein Förderverein verhinderte das. Heute gehört das Freibad Kiebitzberge, das pro Saison bis zu 100.000 Besucher beglückt, anteilig den Kommunen Kleinmachnow, Teltow und Stahnsdorf.

Hier starteten am 12. September 2022 die acht Mitglieder von dimension14 zusammen mit drei Gästen ihr Kunstprojekt badengehen. In einem Arbeitsprozess von zwei Wochen liessen sich die Künstler*innen von Anlage und Aura des Freibads inspirieren. Entstanden sind Kunstwerke an und in den Schwimmer-, Nichtschwimmer- und Planschbecken sowie auf den Liegewiesen mit ihren alten Baumbeständen.

Teilnehmende Künstler*innen der Gruppe dimension14:

Anke Fountis, Sue Hayward, Beate Lein-Kunz, Susanne Ruoff, Salah Saouli, Katrin Schmidbauer, Frauke Schmidt-Theilig, Hartmut Sy

Diesjährige Gastkünstler*innen:

Bettina Lüdicke, Pfelder, Patricia Pisani



Eröffnungsrede vom 24. September 2022

Martin Schönfeld, Kunsthistoriker


Badengehen – Vom Lebensgut Wasser

Kunstwerke interpretieren ein Freibad

Das Freibad Kiebitzberge: Was für ein Ort! Was für eine Stimmung und Atmosphäre!

Das Schwimmbad ist geschlossen, es ist außer Betrieb gesetzt, es hat seine jährliche Saison bereits hinter sich und kann sich nun erholen. Die Außentemperaturen liegen allmählich unter warm und motivieren deshalb nicht mehr so sehr zum Draußenschwimmen. Und da kommt noch ein anderer aktueller Aspekt hinzu: Es wird über Temperaturen gestritten, wie warm darf es noch sein? Auch über Wassertemperaturen, auch sie sollen abgesenkt werden, um weniger Energie zu verbrauchen. Auch damit ist der Sommer endgültig passé, und auch deshalb darf das Schwimmbad in seinen wohlverdienten Dornröschenschlaf versinken.

Bis zur nächsten Öffnung im kommenden Mai ist das Freibad ein verlassener Ort, ein Lost Place, ein geheimnisvoller Ort. Niemand kommt hinein, nur die technischen Mitarbeiter kümmern sich um die Pflege. Ansonsten Stille, wenige technische Geräusche.

Das Freibad ist eigentlich kein romantischer Ort, seine Anlage ist funktional:

Hier die Umkleiden, dort die Duschen, dahinten die Imbissbude, dann die Becken für die Sportschwimmer, für die Nichtschwimmer und die Planschbecken für die Kleinen. Dann das Beachvolleyballfeld und schließlich die Liegewiese. Mehr braucht ein solches Freibad nicht. Und dennoch ist es ein Sehnsuchtort oder gar ein Lieblingsplatz, weil es Bewegungen und Gefühle ermöglicht, die sich die Wenigsten als ihr privates Eigentum leisten können. Tausende Liter Wasser füllen die Becken und ermöglichen das Abtauchen und Schwimmen in langen Bahnen, was in der heimischen Badewanne so nicht geht.

Das Freibad ist eine öffentliche Einrichtung und gehört zur kommunalen Infrastruktur. Auch deshalb ist das Feibad ein öffentlicher Ort und ein öffentlicher Raum, der allen zugänglich ist und an dem sich alle begegnen können: Die Jungen und die Alten, die Dünnen und die Dicken, die Schönen und die weniger Schönen, die Reichen und die Armen – letztere, wenn sie sich den Eintritt leisten können – hier können sie alle eintauchen. Das Freibad ist also ein grundlegend demokratischer Ort. Hier können sich alle begegnen.

Das kann aber auch zu einigen Verwerfungen führen. Schon Ende August dieses Jahres resümierte die Polizei, dass es in Berliner Freibädern und an öffentlichen Badestellen zu 69 Gewalttaten gekommen war. Ausgerechnet der Bezirk Steglitz-Zehlendorf hatte davon die höchste Zahl. Einige Male mussten Bäder wegen größerer Auseinandersetzungen zeitweilig geräumt werden.

Zufälligerweise kam genau in diesem Spätsommer der Film „Freibad“ der Regisseurin Doris Dörrie in die Kinos, der genau dieses Zusammentreffen der verschiedensten Milieus im Freibad, hier ein Frauenbad, thematisiert – und die Konflikte, die daraus entstehen.

Nun, nach dem Ende der Saison ist von dieser vielschichtigen Lebendigkeit hier in Kiebitzberge nichts mehr zu spüren und zu sehen. Eine verträumte Melancholie legt sich über die funktionale Stätte.

Und nun öffnet das Bad doch noch einmal, bis in den Oktober hinein, öffnet seine Tore für die Kunst und verwandelt sich in einen künstlerischen Erlebnisraum. Elf Künstler*innen haben die Gelegenheit bekommen, ihre Werke auf dem gesamten Gelände des Freibades präsentieren zu können.

Von den elf Künstler*innen gehören acht der Gruppe „Dimension14“ an. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, vor den Toren Berlins, in den Orten Teltow, Kleinmachnow und Stahnsdorf einmal im Jahr zeitgenössische Kunst zu präsentieren und den Bürgerinnen und Bürgern eine direkte Begegnung mit der aktuellen bildenden Kunst zu eröffnen. Das ist gut und richtig so, denn auch jenseits des Berliner Stadtzentrums gibt es spannende Orte, die zu einer künstlerischen Auseinandersetzung anregen. Solche dezentralen Initiativen sind wichtige Impulse für ein vielfältiges künstlerisches Leben. Die Dimension14 hat sich das schon seit mehr als zehn Jahren zur Aufgabe gemacht. Ähnlich arbeitet die Berlin-Brandenburgische Künstlerinnengruppe „Endmoräne“, nun seit dreißig Jahren. Die Gemeinden Birkenwerder und Hohen Neuendorf haben einen gemeinsamen Skulpturenboulevard angelegt. Viele weitere solcher Initiativen sind wünschenswert.

Kunst im Freibad?

Nun ist das Freibad Kiebitzberge das genaue Gegenteil von einer Galerie. Neutrale weiße Räume gibt es hier nicht. Wie in einer Galerie, wie in einem so genannten white cube können hier keine Gemälde gehängt oder Skulpturen platziert werden. Das Freibad hat eine andere Funktion. Aber das Freibad ist ein großer, ein weiter öffentlicher Raum, fast schon eine Parkanlage, und bietet als solcher einige Ansatzpunkte für künstlerische Aktivitäten.

Die acht Künstlerinnen und Künstler der Dimension14 und ihre drei Gäste fügen der Anlage des Freibades ihre Kunstwerke direkt ein. Sie nutzen das Freibad und dessen besondere Strukturen als einen Park oder Parcours für Kunst im öffentlichen Raum. Sie präsentieren Kunstwerke, die auf den besonderen Ort des Freibades reagieren, diesen Ort kommentieren, interpretieren, die Möglichkeiten des Freibades in besonderer Weise nutzen und teilweise sogar für den Ort besondere Kunstwerke schaffen, die nur hier im Freibad Kiebitzberge so wirken und nur hier ihre Bedeutung entfalten können. Für alle Künstler*innen wurde das Freibad zur Werkstatt.

Die Kunst der Ausstellung „badengehen“ verhält sich zu ihrem Ort. Der Ort selbst, das Freibad, ist das Thema dieser Ausstellung. Hier geht es deshalb um sämtliche Aspekte dieses Ortes, die von den Künstler*innen in ihren Werken angesprochen werden. Es geht um die Lebendigkeit eines Freibades, das Verhalten der Besucher*innen, es geht um die räumlichen Strukturen und Bauformen der Anlage, es geht auch um den Sommer als Höhepunkt des Freibades, und vor allem geht es einigen Werken um das Element Wasser. Denn erst das saubere Wasser erweckt das Freibad zum Leben und ist der Sinn des Freibades. Hier ist das Wasser sowohl Thema als auch die Plattform der Kunst. Einige der Installation werden in die Wasserbecken eingebracht und eröffnen damit außergewöhnliche ästhetische Erfahrungen. Erst mit dem Wasser und durch das Wasser entstehen viele eindrucksvolle Momente dieser Ausstellung.

Das Wasser

Das Wasser ist die pure Freude für die Besucher*innen des Freibades.

Wasser kann aber auch bedrohlich sein. Es trägt das Schiff und kann es zugleich auch verschlucken – so ein chinesisches Sprichwort.

Wasser kennt keine Grenzen! Und wenn es im Übermaß fließt, dann ist es nicht zu stoppen, dann trägt es selbst Eisen- und Betonbrücken davon, dann unterspült es Häuser, lässt diese in einem Strom davonschwimmen, dann überflutet es weite Flächen, wie das kürzlich erst in Folge des unaufhörlichen Monsunregens in Pakistan zu erleben war und Hunderttausende in ihrer Existenz bedrohte. Und wenn ein Staudamm aus Schikane und Gemeinheit bombardiert wird, dann ist auch dieses Wasser nicht zu stoppen und zerstört Leben, Arbeit und Eigentum tausender Menschen. Die pure Zerstörung, staatlicher Sadismus und staatspolitischer Terrorismus können auch Wasser für ihre Bosheiten funktionalisieren.

Im Zuge des Klimawandels hat das Wasser auch eine globale Bedeutung: das Meereswasser steigt unaufhörlich an und bedroht Küsten und Inseln in ihrer Existenz. Andererseits führt der Klimawandel zu zunehmender Trockenheit und Dürre. Flüsse und Bäche versiegen, das Trinkwasser wird knapp, Gärten und Rasenflächen können nicht mehr bewässert werden, die Vegetation wird blassgrün – auch das haben wir im Sommer des Jahres 2022 in weiten Teilen Europas erleben müssen.

Und wo das Wasser knapp ist und zur kostbaren Ressource wird, da werden auch keine Schwimmbecken mehr befüllt, da versiegt auch das kommunale Gut des Freibades, an manchen Orten schon seit Jahren.

Überhaupt ist das Freibad, und auch allgemein das öffentliche Schwimmbad ein bedrohtes Kulturgut. Viele Kommunen in Deutschland können sich ihre Schwimmbäder nicht mehr leisten. Freibäder werden geschlossen, Stadtbäder werden umgenutzt, häufig als Eventlocations, wie das zuletzt auch auf der documenta fifteen im Kasseler Hallenbad Ost zu erleben war, wo die frühere Schwimmhalle nun der Präsentation indonesischer Agitpropmalerei diente. Zur Rettung des öffentlichen Gutes Schwimmbad schließen sich mancherorts Bürger*innen zusammen und tragen zum Fortbestand ihrer Schwimmbäder bei. Auch das Freibad Kiebitzberge verdankt sich in seiner Entstehung einem solchen kollektiven Willen der Bewohner*innen. Sie haben sich hier ihr Schwimmbad selbst errichtet.

Aber zurück zur Kunst der Ausstellung „badengehen“.

Wir erleben hier eine Kunst, die sich zu ihrem Standort verhält. Das ist eine Kunst, die ortsspezifisch ist, die den Ort, seine Eigenschaften und Aufgaben interpretiert. Sie steht in einer ausgeprägten Beziehung zu ihrem Standort. Diesen verwandelt sie, oder inszeniert ihn sogar. Diese Kunst entwickelt ihre Bilder – im übertragenen Sinne – durch den Ort. Diese Ausstellung kann deshalb nur hier an diesem Ort sein, und kann nur so und nicht anders sein.

Alle Bereiche des Ortes werden erfasst und künstlerisch genutzt.

Die Ausstellung fügt diesem Ort viele Genres der zeitgenössischen Kunst ein: Skulpturen, Installationen, Landart, Klangkunst und Fotografie. Selbst für die Malerei, eine der klassischen Kunstformen, ist hier ein Platz zu finden, der sie eindrucksvoll exponiert und zur Wirkung gelangen lässt. Diese Malereien in den Fenstern des Schwimmmeisterhauses entstanden direkt vor Ort im Freibad.

So ist es eine Freude, durch diese großzügige Anlage zu promenieren und immer wieder neue Eindrücke zu gewinnen und ungewöhnliche Kunstwerke entdecken zu können. Diese Werke und ortsbezogenen Installationen zeichnet eine hohe künstlerische Originalität aus. Die acht Künstler*innen der Dimension14 und ihre drei Gäste sind national und international anerkannte Künstler*innen, die über langjährige Berufserfahrung verfügen. Von entsprechender Intensität und Vielschichtigkeit sind ihre Werke geprägt. Über alle beteiligten elf Künstler*innen ließe sich viel sagen, weil sie alle seit Jahrzehnten eindrucksvolle Werke schaffen und in dieser Zeit ihre individuellen Ansätze und ästhetischen Haltungen entwickeln konnten. Eine solche vertiefende Recherche muss hier aus Zeitknappheit den Interessierten selbst überlassen werden. Vielmehr möchte ich im Folgenden in die einzelnen Installationen und Werke kurz und überblickend einführen.

Die Werke einer Ausstellung

Anke Fountis

entwickelt Klangbilder zum Ort, die mit ihren Lauten die Stimmungen von Sommer, Wärme und Freibad aufrufen. Das Stimmenwirrwarr gleich am Eingang schafft eine Stimmung, als ob das Freibad noch geöffnet wäre und voll von Lebendigkeit überliefe.

Das Zirpen der Zikaden unter den Bäumen muss erst gefunden werden und ist bei weitem zurückhaltender, ist auf den sensiblen Spaziergänger in den Grünanlagen orientiert. Der Sound ist effektvoll ausgerichtet und lässt die Insekten im Baum vermuten, erst ihr versteckt platziertes plastisches und monumentales Ebenbild offenbart die Lautquelle.

Sue Hayward

bringt in die Plansche ein überraschendes Material ein, farbiges Bruchglas, und malt damit gewissermaßen versunkene Bilder, die sowohl abbildhaft als auch ornamental sind. Sie wirken auch wie eine archäologische Situation, man denkt schnell an Bodenmosaike. Nicht ohne Grund nennt die Künstlerin ihre Arbeit „Atlantis“, jene versunkene mythologische Insel und Stadt.

Effektvoll an diesen zwei Arbeiten ist vor allem auch das Zusammenspiel von Lichtbrechungen und Lichtwirkungen von Wasser und windbedingtem Wellengang im Wasser. Durch die Transparenz des farbigen Bruchglases entwickeln ihre Unterwasserbilder eine Aquarellhafte Wirkung. Ihre Bildmotive sind von einer stillen Poesie geprägt.

Beate Lein-Kunz

eignet sich die großzügige Liegewiese für eine besondere Bodenmalerei an. Mit rein natürlíchen Materialien gestaltet sie ein Figurenornament, das verschiedenste Typen von Sonnenanbeter*innen zusammenführt. Dabei arbeitet sie mit Erde, Rasenabschnitt und Steinen. Ihre Bodenarbeiten haben durchaus plastische Qualitäten und werden auch zum Relief entwickelt. Verschiedene Schnitthöhen des Rasens betten ihre fast schon mystischen Gestalten in die Gartenfläche ein.

Das Wort der Sonnenanbeterin beschreibt die mystische Dimension der von Beate Lein-Kunz thematisierten Besucher*innen des Freibades sehr gut. Sie geben sich dem Lichtschein hin und projizieren in das Sonnenlicht ihre überbordenden Gefühle. Die Künstlerin drückt diese besondere Emotionalität mittels großen Kreisen aus. Ihre Arbeitsweise erfährt dabei auch eine archaische Qualität und ruft Assoziationen zu urtümlichen und indigenen Ausdrucksformen auf.

Bettina Lüdicke

hat für ihre Arbeit die Raumsituation einer Baumgruppe nutzbar gemacht. Nahe der Liegewiese hängt sie ein geheimnisvolles Gewebe zwischen die Bäume, als ob ein Handtuch zum Trocknen in die Luft gehangen wäre. Es wirkt textil, ist aber aus pulverbeschichteten Bronzedrähten gefertigt. Es ist auch nicht gewebt, sondern die einzelnen Fäden und Partien sind mit einander verknotet. Seine Offenheit changiert zwischen der Erscheinung einer grafischen Komposition und dem Wellenfluss von Wind und Wasser. Seine Transparenz verwebt es mit dem Umfeld und lässt die Linienformationen mit dem umgebenden Naturgrün zusammenwirken.

Pfelder

setzt ein vielschichtiges Gegenbild in das große und tiefe Schwimmbecken hinein. Das randvolle Becken konfrontiert er mit dem Bild eines verlassenen, verödeten Schwimmbeckens aus Südfrankreich, wo die dramatische Trockenheit kein luxuriöses Pool-Nass mehr zulässt. Wo aber auch die kommunalen Kapazitäten so eingeschränkt sind, dass die Pflege und Aufrechterhaltung eines öffentlichen Schwimmbades nicht mehr finanziert werden können. Und im leeren Becken sammelt sich allmählich banaler Alltagsmüll an.

Gegenbilder erscheinen: Volles Bad und leeres Becken, Überfluss und Ressourcenknappheit. Der Künstler spricht gesellschaftspolitische Fragen und Aspekte des Klimawandels an. Seine Bildinstallation ruft die Kehrseite der Medaille unseres schönen und komfortablen Lebens auf. Diese Schattenseite ist gegenwärtig und möglich und kann anspornen, das Allgemeingut Freibad zu pflegen und hochzuschätzen.

Patricia Pisani

installiert zwei Werke, die beide mit dem Medium des Wassers arbeiten und dabei recht unterschiedliche Fragen ansprechen. Zum einen ist es die Installation eines Spiegel-Triptychons im Wasser, dass das Leben am Beckenrad visuell unter Wasser setzt, die äußere Erscheinung in der Brechung von Licht und Wasser verfremdet, fast schon zerfließen lässt. Das ist nicht nur optisch kurios, es spricht auch die Sensibilität und Fragilität des Eigenbildes an. Nicht ohne Grund ruft Patricia Pisani im Titel ihrer Installation die antike Mythologie des Jünglings Narziss auf, der sich am Brunnen in sein Spielbild verguckt und an der damit geschaffenen Selbstliebe zugrunde geht.

Pisanis zweite Installation aus sieben Rettungsringen, thematisiert den Klimawandel und das damit verbundene Ansteigen der Meeresspiegel. Diese Rettungsringe befinden sich in einem kunstvollen Equlibrium, sie schwimmen – aber unter dem Wasser. Hier ist es schon fünf nach zwölf! Sie stehen als eine Metapher für die Situation von vielen Inseln, Regionen, Gesellschaften, denen der Klimawandel die Existenz abgräbt, sie überspült und unter Wasser setzt. Pisani setzt jeden Ring für einen der sieben Kontinente ein und verweist auf die Globalität der Bedrohung.

Susanne Ruoff

spannt frischblaue Kugeln an die Duschen und bildet deren Funktion sehr deutlich ab. Der Wasserstrahl der Duschen wird in feinere und größere Perlenketten übertragen. Deren Plastizität wirkt wie ein dreidimensionales Symbolbild. Ihre Erscheinung ist sowohl heiter wie auch nüchtern. Diese Installation lebt aus ihrer Vielzahl, die sich durch das gesamte Gelände wie ein Ornamentband hindurch zieht. Wo man steht und sich dreht – immer hat man die blauen Perlenketten von Susanne Ruoff im Blick. Dabei verfügen sie über ihre dekorative Wirkung hinaus, auch über einen Ortsbezug und rufen jene schwimmenden Bänder in Erinnerung, welche die einzelnen Schwimmbahnen von einander trennen.

Salah Saouli

thematisiert das Schwimmbecken als ein mögliches Biotop und damit einen Lebensraum des Fisches. Goldfische als Motive von Freude und Wohlstand und Glück bilden einen Fisch-Schwarm im Schwimmbecken aus. Deutlich sind sie als orangerote Körper zu erkennen. Doch den Farbglanz dieser Fische hat Saouli ins Orangerote verstärkt, sodass diese Fische zwischen Wärme und Warnung zugleich changieren. Seine Goldfische hat Saouli aus Astholz geformt. Als signalrote Gerippe fixiert er sie im Schwimmbecken. Dabei zählt der Goldfisch zu den ältesten Haustieren der Zivilisation. Er ist genauso gebändigt wie das Wasser im Schwimmbecken und wie der Schwimmende in den Schwimmbahnen.

Katrin Schmidbauer

legt auf das Wasser Folien aus, die wie Blütenblätter von Wasserpflanzen, etwa Seerosen das Nass bedecken. Dabei breitet sie das Folienkleid in einer geometrischen Ordnung aus. Sie lässt sich von dem Muster der Betonformsteinwände der Freibadanlage inspirieren. Dieses entwickelt sie zu einer großzügigen Ornamentfläche und kontrastiert den Schimmer des Wassers mit der Spiegelung von silberner Folie. „Floating Sixties“ nennt sie ihre Installation und versetzt die Dynamik der Betonformsteine in eine schwimmende Leichtigkeit. Ihre Installation steht für Schmidbauers Interesse an urbanen Strukturen und Ornamenten, die sie in ihrer Reihe „Urban Tatooing“ ausführt. Inspirationen und Anklänge der so genannten Urban Art oder Street Art deuten sich an.

Den Traum vom privaten Nass, dem eigenen Swimming-Pool, ein Wohlstandsmuster der 1970er Jahre, thematisiert die Künstlerin Schmidbauer in einer Folge von modellhaften Raumszenerien von Garten-Schwimmbecken.

Frauke Schmidt-Teilig

trägt ihre Impressionen vom Badeleben direkt und kraftvoll in realistischer Malweise vor. Sie schafft Tafelbilder und setzt diese als eine künstlerische Intervention direkt im Schwimmmeisterhaus ein. Dessen große Fensterflächen verwandelt sie zu einer Schaufenstergalerie. Dabei changieren ihre Bildmotive zwischen Typik und Drastik, einige Motive scheinen kommerzielle Bildklischees vom Strandleben zu karikieren. Ihre sowohl flächige wie konturierende Malweise ruft dabei die Erinnerung an Werke des deutschen Expressionisten Max Beckmann auf. Auch Beckmann hatte sich vielfach mit dem Strandleben befasst und vergleichbar lebendige und symbolhafte Motive gemalt. Im nun verlassenen Schwimmbad führt Frauke Schmidt-Teilig die eigentliche Lebendigkeit des Ortes ausdrucksstark vor und in Erinnerung.

Hartmut Sy

überträgt die Spitzen und Täler der Wellenreiter in eine sehr feinfühlige Installation. Aus Weidenzaundrähten formt er einen Wellentanz im Luftraum unter der Pergola. Dieses Bild entfaltet materialbedingt eine fast schon grafische Wirkung und erinnert an eine filigrane Zeichnung, die sich aus der Fläche in den Raum gelöst hat. Faszinierend und irritierend zugleich ist die Wirkung der Installation, die sich erst allmählich bei der Annäherung an den Ort eröffnet, vorsichtig ahnen lässt und erst spät vollkommen bildhaft wird. Seine Installation verdeutlicht, wie im Parcours durch die Anlagen des Freibades die Kunst immer wieder auch entdeckt werden und von den Betrachtern aktiv erkannt werden muss.

Lebensgut Wasser und Lebensgut Freibad

Leben ohne Wasser ist nicht möglich, ohne zu trinken verdurstet der Mensch, ohne Wasser stirbt die Natur. Wasser ist unverzichtbar. Wenn das Wasser fehlt, wird das Leben blass und arm.

Leben ohne Freibad – ist das möglich?

Die Ausstellung „badengehen“ der Künstler*innen der Dimension14 und ihrer Gäste verdeutlicht sowohl die Bedeutung und den Stellenwert des Wassers als ein Lebenselixier als auch des Freibades als einen nicht minder einzuschätzenden Jungbrunnen des Lebens und der Gesellschaft. Das Freibad, das Schwimmbad wird zu einem Symptom von Lebensqualität und Harmonie des Lebens und des Zusammenlebens. An seinem Sein oder Nichtsein lassen sich die Möglichkeiten einer Gesellschaft erkennen. Es wird gar zum Gradmesser nicht nur des kommunalen Wohlstandes, sondern auch der globalen Zusammenhänge und Auswirkungen des Klimawandels. Auch diese Dimensionen sprechen die Künstler*innen der Dimension14 an und formulieren damit eine wichtige Position zur Zeit. Wie das Freibad selbst erwecken auch die Arbeiten der Kunst Momente der Freude und Überraschung. Es macht auch Spaß, das Schwimmbad zu durchstreifen und die verschiedenen künstlerischen Arbeiten zu entdecken und sich von diesen beeindrucken und inspirieren zu lassen. Sicher, die Kunst der hier wirkenden Künstler*innen ist weitaus zurückhaltender und sensibler, feinfühliger und sehr wohl auch tiefgründiger als der Sprung vom Sprungturm und das sonst so fröhliche Leben eines Freibades. Für diese Kunst der Ortsbezogenheit und Kunst im öffentlichen Raum ist das Freibad Kiebitzberge ein Glücksfall, der den Künstler*innen vielfältige Interventionsmöglichkeiten bietet und ihre Arbeiten freizügig wirken lässt. Für diese Freizügigkeit und Offenheit des Freibades gebührt dem Ort und seiner Einrichtung und vor allem den Mitarbeitern des Freibades ein großer Dank.

Martin Schönfeld