Ausflug ins Grüne

 

Zum Ausflug ins Grüne lädt dimension14 dieses Jahr in die Waldschänke nach Stahnsdorf ein. Die verwaiste Gaststätte in Stahnsdorf war in den 1920er Jahren ein beliebtes Ausflugsziel. Der Teltowkanal wurde nicht nur von Lastkähnen befahren, sondern beförderte auch zahlreiche Sommerfrischler aus dem Umland und Berlin mit Ausflugsschiffen bis zur nahegelegenen Machnower Schleuse. Stahnsdorf zählte damals ca. 1400 Einwohner und die Gaststätte stand tatsächlich noch im Grünen – übrigens ohne die später ergänzte Fachwerk-Optik.

 

Gaststätte Waldschänke Stahnsdorf

Ausstellung vom 22. August bis 13. September 2020

Mit Arbeiten von | Anke Fountis | Sue Hayward | Beate Lein-Kunz | Karl Menzen | Susanne Ruoff | Katrin Schmidbauer | Frauke Schmidt-Teilig | Hartmut Sy |

GastkünstlerInnen | Peter Auhagen | Simone Mangos | 

 

Eröffnungsrede

Dr. Dorothea Schöne, Kunsthaus Dahlem Eröffnungsrede zur Vernissage „Ausflug ins Grüne“ der Künstlergruppe dimension14 am 22. August in Stahnsdorf. (Auszug)

AUSFLUG INS GRÜNE

Eröffnungsrede Dr. Dorothea Schöne, Künstlerische Leiterin Kunsthaus Dahlem

In der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden die modernen, großen Metropolen, ge- kennzeichnet durch anonyme Menschenmassen, die sich in ihr bewegen. Wer nicht durch Arbeit getrieben durch die Stadt hetzte, gönnte sich den Luxus des Flaneurs, wird zum Auge der Stadt, zum Gegenbild alles hektischen Treibens. Kaum dass sich dieses bunte, urbane Treiben entfaltet hat, werden auch schon die ersten bösen Zungen wach, die der Stadt, so auch der Kunstkritiker Karl Scheffler um die Jahr- hundertwende, attestieren dazu verdammt zu sein „immerfort zu werden und nie- mals zu sein.“ Damals wie heute treibt es die Menschen aus dem steingewordenen Moloch hinaus auf das Land. So prosperieren damals wie heute Biergärten, Dorf- und Waldschänken. In einer davon befinden wir uns heute – in den 1920er Jahren und bis vor wenigen Jahren ein beliebtes Ausflugslokal. Hierher hat es Besucherin- nen und Besucher aus Berlin, aus Stahnsdorf und dem Umland gelockt. Auf der Su- che nach Genuss – Naturgenuss und/oder kulinarischer Genuss. Heute, dank 10 klug platzierter Positionen auch ein Kunst- und Kulturgenuss.

Nun ist ein Ausflug ins Grüne – hier und heute auch titelgebend – nicht immer ein be- schauliches Unterfangen. Gern versehen wir die Aussage mit romantisch verklärten Familienidyllen, still erfüllter Natursehnsucht, Einkehr, Muße, Farbenpracht, Frühling und Sonne. Dem Kind gleich den Marienkäfer verfolgt, den großen Zeh in den war- men Sand gedrückt, die Blumenwiese durchstreift – die Werbung tut da in der Ent- wicklung solcher Bilder ihr Übriges. Doch ein „Ausflug ins Grüne“ kann auch ein stö- rendes Moment in sich tragen. Die Ruhe brechen, der Stadt hektisch entfliehen, er- müden. Wie viel Grün gibt es noch? Kann man es erhalten?

An den sentimentalen Erinnerungen an die Waldschänke hat der Zahn der Zeit und des Leerstandes genagt. Der Teppich ist verrissen, das Holz morsch, das Laub im Hof dicht, der Mast schief. Und weil eben nicht alles gerade und harmonisch (im Sinn von eintönig oder gar einförmig) ist – weder im Titel, noch wenn man es wagt 10 Künstlerinnen und Künstler einen Ort in Beschlag nehmen zu lassen, so wundert es denn kaum, dass wir heute vor zehn lebendigsten Einladungen zum Mitdenken, Um- denken, Verdenken stehen.

Mit viel Humor, wenn händisch gebogene Drähte die Wucht eines Wasserfalles oder der Explosion eines Hydranten in der ehemaligen Küche explodieren lassen. SPLASH ist das bekannte Wortbild aus Comics, hier Werktitel, das zugleich auch auf das so wertvolle, verknappende Gut der Erde – das Wasser – rekurriert.

Mit viel Geschichte – humorvoll gelesen – wenn sich Hoppers einsame Nacht- schwärmer in ihrer stillen Zusammenkunft plötzlich nicht am amerikanischen High- way Diner zusammenfinden, sondern am Kreisel von Stahnsdorf. Die Dame in Mie- der und mit Schirm wäre am nahen Teltowkanal sicherlich fremd gewesen und auch heute noch irrt sie – verfolgt vom nahenden Lüstling – durch das Grün oder wird von den Fluten direkt in die Schänke getragen.

Mit einer Hommage an die nach innen gekehrte und getragene Sehnsucht der Na- turnähe – wenn Rasenteppich in großen Pflanzenornamenten den Eingang ziert. In absurd überzeichneter Dimension und voller widernatürlicher Materialität.
Mit satten Sinnbildern – nicht minder knapp wie das Wasser ist der Rohstoff Holz. Aus dem wir Brücken bauen können. Sinnbild „Brückenschlag“, sich sanft einem an- deren Ufer entgegen neigende Konstruktionen. Voller Symbolkraft. Hommage an den Großmeister der Kunstgeschichte da Vinci, der einst das Konstruktionsprinzip erfand und zugleich kritischer Verweis auch unseren Raubzug über den Erdball.

Mit Flüchtigkeit und dem Nicht-Greifbaren – der Schatten, der vom Licht bestrahltes Glas den Raum zu zerteilen scheint. Wie kleine Flieger steigen die Schatten die Wand empor, nach Tageszeit und Lichteinfall kaum zu kontrollieren, flüchtig. Kleine Fundstücke referieren persönliche Assoziationen. Das Maß ist bemessen, die un- planbare Bewegung des Menschen ebenso. Der sich daraus ergebende Schatten- wurf indes nicht. Nur scheinbar – so mag der Titel anleiten – sind die Dinge im Raum vermessen und damit fest verortet.

Mit Aufhebung von Gewicht und Gewichtung. Nicht alles was schwer wiegt, erscheint im Raum als solches. Dem Tanz der Vögel in der Luft gleich, streben metallene Bän- der zueinander und jäh wieder voneinander fort. Spielt der Wind oder die Technik mit der filigranen Konstruktion? Wird die Saat aufgehen? Die geraden Linien des Rau- mes sind nun elegant geschwungen – übergroß formt sich Träne oder Wassertropfen auf dem Boden.

Haben wir Geschichte und Geschichten nur gemalt bekommen oder bildet sich hier tatsächlich erlebtes ab. Wie oft schwelgen wir in Ausflugserinnerungen. Ein jeder in seiner eigenen Bilderwelt, auch wenn wir vermeintlich am gleichen Moment teilhat- ten. Aus jüngerer Zeit erlaubt uns die Erinnerung noch strahlende Details wach zu rufen, bis sie verblassen, verschwimmen und in ihren Proportionen sich verzerren. Traumwandlerisch muten da Schatten an, die eine kaum mehr zu erkennende Ge- stalt an der Wand andeutet. Wandern wir zu Zweien oder Allein durch die Nacht. Ver- träumt oder verängstigt? Zarte Silhouetten zeichnen sich an der Wand ab – ist es Blick zum Ufer? Oder durch das Schattenland eines nächtlichen Waldes? Gehen wir mit vertrauter Person oder fremder Erscheinung durch diese nächtliche Welt?

Was ist real, was ist Verkleidung? Vermeintlich Echtes ist auch auf der Fassade zu ersehen. Die Waldschänke mutet volkstümelig an mit ihrem Fachwerk, das bei nähe- rem Hinsehen preisgibt, lediglich aufgemalt und angetäuscht zu sein. Veredelt nun mit Kupferblatt. Verkupfert und vergoldet zur Veredelung hat eine lange kunsthistori- sche Tradition – so wurde und wird Erhabenes geschaffen.

Der Ausflug ins Grüne – also in die Natur – ist durch unsere Empfindungen dort und währenddessen zu etwas Erhabenem geworden. Dieser Erfahrungsmoment prägt die Kunst und Kunstgeschichte seit Jahrhunderten. Peitschende Ozeanwellen im Sturm, brodelnde Vulkane, schroffe Bergkuppen – in der Literatur und Malerei der Romantik hatte das Sublime, das Erhabene Hochkonjunktur. Den philosophischen Überbau hatten Denker des 18. Jahrhunderts geliefert: Als ‚reizvollen Schrecken‘ be- schrieb der Philosoph Edmund Burke die paradoxe Erfahrung des Sublimen ange- sichts elementarer Naturgewalten. Immanuel Kant sprach von einer „Bewegung des Gemüts“ gegenüber dem Erhabenen, also dem „was schlechthin groß ist“ und „was über alle Vergleichung groß ist“ – Naturereignisse, die uns überwältigen, gleicherma- ßen faszinieren und ängstigen. Diese ästhetische Kategorie zeigt sich bis heute rele- vant. Mal als morbide Anklage ausbeuterischer Wertschöpfung, mal als Bruch mit über-sentimentalen Bildern, mal mit Brechungen von Sehgewohnheiten.

Nun ist das hier kein Rundgang, bei dem jede Künstlerin oder jeder Künstler ihr oder sein schönstes Ferienerlebnis aufzeichnet oder beschreibt. Auch sind nicht alle auf ihren gedanklichen und künstlerischen Ausflügen in die gleiche Richtung gelaufen, geschweige denn im Pulk gewandert – obwohl das sicherlich auch ein schönes Bild ergeben hätte. Jeder Raum, jeder Raumteil, erzählt seine eigene Geschichte, nimmt seine Umgebung auf eigene Weise in Beschlag. Doch sollte dem aufmerksamen Be- trachter nicht entgehen, wie eng einige Arbeiten dann doch wieder in Bezug zueinander stehen, aufeinander eingehen und im Dialog zueinander stehen. Von außen nach innen getragene Struktur der Fassade, die neue Schattenwürfe im inneren er- laubt. Vom Rauschen des Wassers befreite Tropfen am Boden, die andernorts unge- bändigt weiter tönen. Das Picknick am Tage – der Schwärmer des Nächtens. Wem mag es besser ergehen?

Ein „Ausflug ins Grüne“ ist somit stets vielgestaltig. Jede Teilnehmerin/ jeder Teil- nehmer, jede Besucherin und jeder Besucher trägt ihre und seine ganz eigenen Erin- nerungen daran mit sich nach Hause, hat in jedem Moment eigene Gefühle und Empfindungen wach gerufen bekommen – gute, schlechte, ambivalente. Nichts we- niger kann und will eine solche Ausstellung, die ein altes, geschichtsträchtiges Ge- mäuer in Beschlag nahm und nimmt und uns auf andere Wanderungen mitnimmt.

Ich danke den Künstlerinnen und Künstlern, dass ich auf dieser Reise einen kleinen Schritt mitgehen konnte und wünsche Ihnen allen nun einen ebenso spannenden, angenehmen, bereichernden und erholsamen Ausflug in und durch die Kunst.

 

 

 

 

Vollständige Eröffnungsrede als PDF verfügbar:

 

 

 

 

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